Start News Das Rote Kreuz: 150 Jahre alt und unter Beschuss
Das Rote Kreuz: 150 Jahre alt und unter Beschuss PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Altmühlbote   
Mittwoch, 24. Juni 2009 um 00:00 Uhr
Ein junger Mann im weißen Leinenanzug rennt verzweifelt zwischen den Verwundeten und Sterbenden hin und her. Er gibt ihnen zu trinken, verbindet die Wunden notdürftig mit ein paar Baumwollstreifen, obwohl er keine Ahnung von Erster Hilfe hat. Sein Anzug ist schnell blutverschmiert, vermutlich rettet er kein einziges Leben an diesem Tag – und doch ist dieser 24. Juni 1859 ein herausragendes Datum für die Humanität.
Heute von 150 Jahren beobachtete der Schweizer Kaufmann Henri Dunant zufällig die Schlacht von Solferino in Oberitalien, bei der Tausende Soldaten ums Leben kamen – und die zur Geburtsstunde des Roten Kreuzes wurde. Die Erfahrungen lassen den späteren Friedensnobelpreisträger nicht mehr los, er gründet das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), die Genfer Konventionen werden verabschiedet, die den Schutz von Soldaten, Helfern und Zivilisten in Kriegen garantieren sollen.
Über ihre Einhaltung wacht noch heute das IKRK – zumindest in der Theorie. In der Praxis ist die Arbeit der Helfer in den vergangenen 150 Jahren allerdings immer schwieriger und gefährlicher geworden: Im Irak wurde beispielsweise vor einigen Jahren das Hauptquartier des IKRK bei einem Anschlag in Schutt und Asche gelegt, in Afghanistan werden Bundeswehrfahrzeuge beschossen, die das rote Kreuz tragen, in Pakistan und Sri Lanka wurde erst kürzlich die Bevölkerung bombardiert, obwohl das die Genfer Konventionen verhindern sollen.

Lebendige Zielscheiben

Zwar ließen auch in den zahllosen Kriegen seit Solferino Hunderte Rot-Kreuz-Mitarbeiter ihr Leben. Doch seit dem Fall des Eisernen Vorhangs scheren sich immer weniger Regierungen, Rebellen und Gotteskrieger um die hilflosen Helfer und Zivilisten. Die viel zitierte Asymmetrie moderner Auseinandersetzungen, in denen meistens nicht mehr zwei reguläre, leidlich disziplinierte Armeen aufeinandertreffen, hat aus neutralen Personen vielerorts lebendige Zielscheiben gemacht.
Keine Frage, die Welt ist in eine neue Epoche der Kriegsführung eingetreten, und es ist nirgendwo ein Henri Dunant in Sicht, der die Frage beantworten könnte, wie sich auch im 21. Jahrhundert ein Mindestmaß an Humanität bewahren ließe. Seine große Vision, dass alle Opfer gleich hilfsbedürftig sind, egal, auf welcher Seite sie stehen, lässt sich gegenüber Extremisten, paramilitärischen Einheiten und marodierende Kriminellen kaum noch durchsetzen.

Industrielles Töten

Allerdings wandelte sich auch zu Dunants Zeit die Kriegsführung: Kurz zuvor war das erste Maschinengewehr erfunden worden, der ritterlich, Mann gegen Mann geführte Krieg wurde zum industriellen Tötungsakt. Dennoch schaffte es der Schweizer Humanist, einen Ehrenkodex zu entwickeln, der vermutlich Millionen Menschen das Leben rettete.
Wer diese Erfolgsgeschichte für die in Kriegen bedrohten Helfer und Zivilisten fortschreiben will, muss im humanitären Völkerrecht neue Wege beschreiten, so wie es beispielsweise mit dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gelungen ist. Dort den übelsten Schlächtern moderner Kriege den Prozess zu machen, ist zwar oft ein mühsames und unbefriedigendes Unterfangen, aber auch ein klares Signal, dass die internationale Gemeinschaft nicht jeden Verstoß gegen die Menschlichkeit hinnimmt.
Mindestens ebenso wichtig ist es, dass die Welt nicht mehr tatenlos zuschaut, bis Staaten in die Unregierbarkeit abgleiten, wie dies in Afghanistan, Somalia und Sudan geschehen ist. Denn nur starke Staaten leisten sich reguläre Armee- und Polizeieinheiten, die zur Einhaltung der Genfer Konventionen verpflichtet werden können. Und das ist immer noch der beste Schutz für Zivilisten und Helfer vor der Privatisierung des Krieges durch Söldner, Extremisten und Banditen.

von Armin Jelenik aus dem Altmühlboten am 24.06.2009